Die Schwäbische Alb ist ein Buch. Die jenigen die nicht reisen, lesen nur eine Seite

Meeresstrände und Wacholderheiden

Die Bahamas südlich von Stuttgart: ein tropisches Meer mit Wassertemperaturen von 19 bis 23°C, Korallenriffe im Wasser, Palmfarne und Ginkgobäume an Land. Ein Paradies aus der Tourismuswerbung in unserer unmittelbaren Nähe? Heute nicht mehr, aber vor 150 Millionen Jahren, im Zeitalter des Weißen Jura, befand sich im Bereich der Schwäbischen Alb ein solches tropisches Meer.

Schaut man heute vom Stuttgarter Fernsehturm nach Süden, bietet sich ein ganz anderes Bild. Eine Steilstufe von mehreren hundert Metern Höhe erhebt sich aus dem Vorland. Sie ist sozusagen vom tropischen Meer zurückgeblieben, welches einst große Teile Europas bedeckte. Die Schichten des Albtraufs sind aus verfestigtem Meeresschlamm sowie unzähligen Gehäuseresten und Kalkausscheidungen von Schwämmen, Algen und Korallen aufgebaut. Dazwischen liegen immer wieder dünne Mergelschichten, deren Ablagerung auf rhythmische Klimaschwankungen zurückgeführt wird. Zusammen mit den dünnen Mergellagen lassen die Kalkbänke das Bild aufgeschichteter Mauern entstehen. Diese „wohlgebankten Kalke” sind stellenweise so schön aufgeschichtet, dass der Betrachter zweifelt, ob hier die Natur oder der Mensch tätig gewesen ist. Ganz anders sehen einige Felsen aus: undeutlich bis gar nicht geschichtete, massige, kompakte Kalke. Hier waren die Schwämme am Werk, also im Jurameer weit verbreitete Meerestiere, die ähnlich wie Korallen Riffe aufbauen.

Kalksteine in so großen Vorkommen regten den Menschen verständlicherweise zu vielfältigen Nutzungen an. So prägen große Steinbrüche auch heute noch das Landschaftsbild. Hier wurden und werden Kalkschotter für das Baugewerbe und Kalk als Rohmaterial für die Zementindustrie gewonnen. Da der weite Transport des Kalkes zu teuer gewesen wäre, finden sich meist große Zementwerke in der Nähe der Steinbrüche, so in Allmendingen, Dotternhausen, Schelklingen und Geisingen. Die Steinbrüche stellen zwar erst einmal einen Eingriff in die Naturlandschaft dar, sind aber nach einiger Zeit wichtiger Lebensraum für Wanderfalken, den Uhu und andere seltene Tierarten und stehen deshalb teilweise sogar unter Naturschutz.

Die Kalksteine der Alb sind aufgrund der flachgründigen Böden fast an jeder Wegböschung an der Oberfläche sichtbar oder fi nden sich am Rande von Äckern in großen Lesesteinhaufen oder Mauern zusammengetragen. „Viel Steine gab’s und wenig Brot”, so wurde früher das Härtsfeld bei Neresheim beschrieben, und auch heute noch fragt sich der Betrachter, wie zwischen den Steinen, die die Äcker fast vollständig bedecken, eigentlich noch Getreide wachsen soll.


Das wasserlösliche und „wasserverschluckende” Kalkgestein der Alb ist nicht nur ein geologisches Phänomen, sondern zwingt auch Menschen, Tiere und Pflanzen zu besonderen Anpassungen. Berühmt ist die Alb für ihre leuchtend bunten Wiesen, Kalkmagerrasen genannt, mit zahlreichen Orchideen und Silberdisteln. Die großflächigen Wacholderheiden, ein geradezu typisches Bild für die „ursprüngliche” Alb, würden hier eigentlich gar nicht vorkommen. Sie wurden sozusagen vom Menschen angelegt. Dessen Schafherden verhinderten das Aufkommen von Laubbäumen, die ansonsten hier einen lichten Buchenwald gebildet hätten. Lediglich der stachelige Wacholder, den auch kein noch so hungriges Schaf verbeißen wollte, blieb erhalten.

Ein imposantes Lehrstück für die Abtragung des Albtraufs und die Rückverlagerung der Schwäbischen Alb bietet der Mössinger Bergrutsch. Im April 1983 gerieten dort innerhalb weniger Stunden 4 Millionen Kubikmeter Erde und Gestein in Bewegung. Heute kann im Naturschutzgebiet beobachtet werden, wie eine total zerstörte Landschaft von der Tier und Pflanzenwelt zurückerobert wird.

Heute finden sich die ehemaligen Riffe des Jurameeres als Kuppen auf der Albhochfläche oder als Felsnadeln herauspräpariert, am schönsten im wildromantischen Durchbruchtal der Donau durch den Schwäbischen Jura zwischen Fridingen und Sigmaringen. Die herausragenden Felsköpfe hat der Mensch früh genutzt. Kaum irgendwo findet sich eine derartige Burgendichte wie auf der Schwäbischen Alb. Zum Beispiel: Hohenzollern, Teck, Neuffen, auf Zeugenbergen vor der Steilstufe und 20 Burgen allein im Lautertal auf einer Strecke von gerade mal 35 Kilometern.


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